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Spiel ohne Trainer

Wenn Andy Gasser seine U12-Athletinnen und Athleten auf dem Kunstrasen im Basler Rankhof versammelt, ist Landhockey angesagt. Für die Beteiligten ist es ein ganz normales Training, doch wie alltäglich ist es wirklich, wenn das Team plötzlich die volle Verantwortung für ein Spiel ohne Trainer übernimmt?

Zunächst leitet Gasser das Geschehen in konventioneller Manier: Techniktraining, Passpräzision, Zweikampfverhalten und Schüsse werden geübt. Dabei wird immer wieder die Selbstverantwortung der Trainierenden ins Zentrum gerückt: Sie sollen sich selbst bewerten, sich nach jeder Aktion fragen: «Habe ich gerade vollen Einsatz gegeben?» oder «Was kann ich tun, damit der Pass beim nächsten Mal besser ankommt?». Auch auf ein faires Miteinander wird geachtet. Besonders wichtig ist, mit dem Schläger vor der Schussabgabe nicht zu weit auszuholen, um die Mitspielenden nicht zu gefährden. Auch diese Umsichtigkeit will gelernt sein.

Nach einer Stunde geleiteten Trainings geht die Verantwortung vollends auf die U12-Athletinnen und Athleten über. Während einer halben Stunde organisieren sie selbstständig ein freies Spiel. Dazu gehört das Schiedsrichten ebenso wie eine faire Bildung der Teams. «Sie sollen merken, dass bei der Zusammensetzung der Mannschaften ein spannendes Spiel für alle das Ziel sein soll, nicht das blosse Gewinnen», sagt Gasser. Das Team nimmt dabei nach eigenem Gutdünken Wechsel vor und hat die volle Verantwortung für einen flüssigen Spielverlauf. «Mir ist es wichtig, dass mein Team lernt, ohne Anleitung gemeinsam Entscheidungen zu treffen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie ein leistungsorientierter Sport zum Wohle aller gestaltet werden kann», führt Gasser weiter aus.

Diese Form des Trainings zeigt Wirkung. Auf die Fairness im Spiel angesprochen sagt einer der jungen Ballkünstler: «Es kommt schon vor, dass ich unbedingt gewinnen will. Doch wenn der Schiedsrichter in einer brenzlichen Situation ein Foul nicht erkennt, gilt es, ehrlich zu sein und einen Fehler zuzugeben».

Das freie Spiel ist jedoch nur einer der Wege, auf denen die sportlichen Werte in die Jugendförderung des Landhockey einfliessen. Gemeinsam mit Sabine Hahn hat Gasser das Heft «Swiss Hockey-Kids» erarbeitet, das für Kinder den Einstieg ins Lesen mit sportlichen Werten wie Teamgeist, Selbstverantwortung und Fairness koppelt. In Anlehnung daran findet seit Neustem auch ein Werte-Diplom als Auszeichnung für besondere Leistungen in Freundschaft, Respekt und Höchstleistung Eingang ins Training. Dies soll dem Nachwuchs ein weiterer Ansporn sein, in wertvoller Art und Weise Sport zu treiben. Ähnlich wie in der Sportwoche an der Churer Schule Florentini wird dieses Diplom von Sportler und Trainer gemeinsam ausgestellt und fördert so durch Selbstbeurteilung ein weiteres Mal die Selbstverantwortung.

Andy Gasser und sein U12-Team zeigen, dass Sport nicht nur körperliche Betätigung ist, sondern wesentlich zum Reifungs- und Entwicklungsprozess der Jugendlichen beitragen kann. Woche für Woche wird so auf dem Rankhof Punkt 3 der Ethik-Charta des Schweizer Sports, «Stärkung der Selbst- und Mitverantwortung», aktiv gelebt.

Bildquelle: Swiss Olympic
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